Landratsamt Neustadt a.d.Aisch

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Pressearchiv 2015

Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Der Landkreis Neustadt a.d.Aisch-Bad Windsheim nimmt nächste Woche ab dem 27. Juli bis zu 43 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf Veranlassung der bayerischen Staatsregierung auf. Sie durchlaufen bis zum 18. September diesen Jahres ein Clearingverfahren, um den erzieherischen Bedarf für eine nachfolgende Jugendhilfemaßnahme festzustellen.

Im Rahmen der Amtshilfe wird der Landkreis für andere Jugendämter tätig. Sowohl in Passau als auch in Zirndorf kommen sehr viele Jugendliche ohne ihre Eltern an. Dort sind die Kapazitäten erschöpft. Die Jugendlichen werden in Bussen oder mit der Bahn nach Neustadt a.d.Aisch verbracht und in der Außenstelle des Blockschülerwohnheims der Berufsschule in Neustadt a.d.Aisch untergebracht, das ansonsten während der Ferienwochen nicht belegt wäre.

Nach acht Wochen muss das Clearingverfahren beendet sein, da die Unterkunft wieder für die originäre Unterbringung der Berufsschüler gebraucht wird. Es handelt sich also um eine einmalige, vorübergehende Ausnahmesituation, die in der Kürze der zur Verfügung stehenden Vorbereitungszeit nur unkonventionell gelöst werden kann.

Das Kreisjugendamt hat eine enge Kooperation mit Rainer Krug als Leiter und einem Team aus Sozialpädagogen, Lehrern (Deutsch als Fremdsprache), Verwaltungsfachkräften, einem Koch und weiteren Mitarbeitern vereinbart. Sie werden die Jugendlichen betreuen, fördern, sich ein Bild von ihnen machen und eine Empfehlung zur weiteren Jugendhilfe abgeben.

Die Presse konnte mit dem Jugendamtsleiter Roland Schmidt und dem Projektbeauftragten Rainer Krug ein Gespräch führen.

Herr Schmidt, Herr Krug, welche Schwierigkeiten sind bei der Umsetzung der neuen Aufgabe zu erwarten?

Schmidt: Es liegen noch keine praktischen Erfahrungen bei uns vor. Bisher wurden dem Landkreis unbegleitete Jugendliche zugewiesen, deren Clearing-Verfahren abgeschlossen war und die relativ selbständig und psychisch stabil bewertet waren. Wir haben diese "geklärten" Jugendlichen in Einrichtungen, Pflegefamilien und Wohnungen untergebracht. In Wohnungen werden sie von pädagogischen Fachkräften weiter betreut. Nun kann der Prozess von der ersten Inobhutnahme der Jugendlichen bis zur Weiterleitung in entsprechende angepasste Maßnahmen der Jugendhilfe von den Landkreisen der Hauptfluchtrouten nicht mehr alleine geleistet werden. Die Jugendlichen werden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Bayern zu uns gebracht. Wir wissen deshalb nicht, welche Jugendlichen wir bekommen und müssen deren Bedarfe selbst herausfinden.

Krug: Solange wir die ankommenden Jugendlichen nicht gesehen haben, können wir die Tagesstruktur in der Erstaufnahme nur vorläufig planen. Ein Beispiel: Der Deutschunterricht, der sofort nach Ankunft organisiert wird, muss die Unterweisung von Analphabeten berücksichtigen. Wie viele darunter sind, wissen wir noch nicht.

Welche Vorgaben müssen erfüllt werden bei der Erstaufnahme?

Schmidt: Es geht zunächst um die Grundversorgung mit Nahrung und Getränken, die Bereitstellung eines Schlafplatzes, Körperhygiene und Gesundheit. Die Jugendlichen haben auf ihrer Flucht viel erlebt und brauchen subjektive Sicherheit. Das Gesundheitsamt übernimmt unmittelbar die medizinische Untersuchung. Weiterhin ist wichtig die Jugendlichen kennen zu lernen um sie einschätzen zu können.

Krug: Wir müssen die Identitäten der Jugendlichen feststellen und überprüfen, soweit Dokumente vorliegen. Wir brauchen ab dem ersten Tag eine pädagogische Grundbetreuung und eine Tagesstruktur mit Deutschunterricht. Die Ergebnisse der Gespräche und der Gruppenprojekte dienen dazu, eine individuelle Einschätzung der Jugendlichen vorzunehmen und die Weiterleitung vorzubereiten. Gegenüber den Flüchtlingen, der Bevölkerung und den Mitarbeitern haben wir die Verantwortung, Gefährdungen abzuwenden. Wir arbeiten eng zusammen mit einem Sicherheitsdienst und der Polizei.

Was geschieht mit den Jugendlichen nach dem 8-wöchigen Clearingverfahren?

Schmidt: Wir müssen sie wie bisher in unterschiedlichen Jugendhilfemaßnahmen je nach Bedarf unterbringen. Das Clearing endet definitiv am 18. September 2015. Ein neuer Gesetzesbeschluss der Bundesregierung sieht vor, die neu ankommenden minderjährigen Flüchtlinge ab dem nächsten Jahr bundesweit zu verteilen.